Urinveränderungen und Beschwerden beim Wasserlassen

Ungewollter Harnabgang (Inkontinenz) und verstärkter Harndrang (Pollakisurie)

Ungewollter Harnabgang (Inkontinenz) und verstärkter Harndrang (Pollakisurie)

Nicht nur Männer leiden häufig unter vermehrtem Harndrang.
Nicht nur Männer leiden häufig unter vermehrtem Harndrang. © Miriam Knauer
Drei Muskeln 06u05spielen zusammen, damit die 06u06Harnblase einerseits dicht hält und sich zum anderen zum gewünschten Zeitpunkt entleert: der Blasenmuskel, der Harnblasenschließmuskel und der Harnröhrenschließmuskel. Sie werden über das vegetative Nervensystem gesteuert. Oft funktioniert dieses Zusammenspiel nicht wie es soll. Leichte Störungen machen sich zumeist durch

gehäuften Harndrang (Pollakisurie)

bemerkbar. Nehmen die Beschwerden weiter zu, kommt es immer häufiger zu

ungewolltem Harnabgang (Inkontinenz)

. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, Frauen nach einer Schwangerschaft oder Männer nach einer Prostataentfernung. Je nach Ursache werden verschiedene Formen der Inkontinenz unterschieden. Die häufigsten sind die

Belastungsinkontinenz

, die

Dranginkontinenz

und die

Überlaufinkontinenz

. Bei Kindern kommen andere Ursachen infrage: Wenn ältere Kinder mehrfach am Tag einnässen, nachts jedoch trocken bleiben, steckt dahinter häufig eine 06r01funktionelle Störung der Blasenentleerung. Plötzlicher, unwiderstehlicher Harndrang, verbunden mit tropfen- oder schubweisem Abgang von Urin, ist typisch für die idiopathische Dranginkontinenz. Um ein Einnässen zu verhindern, wenden die Kinder Haltemanöver an: Sie pressen die Beine zusammen, hüpfen, gehen in die Hocke oder setzen sich auf die Fersen. Ursache der Störung ist eine Reifungsverzögerung von Teilen des Nervensystems. Beim Bettnässen ist meist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz erfolgreich. Eine bewährte Maßnahme ist die Klingelhose, die mit Feuchtigkeitssensoren ausgestattet ist. Beginnt der Schlafende sich einzunässen, werden die Sensoren aktiviert und ein akustisches Signal weckt den Betroffenen.

Beschwerdebilder, ihre Ursachen, Maßnahmen und Selbsthilfe

Ungewollter Harnabgang kleiner Mengen ("Tröpfeln"); bei Husten, Niesen, Heben, Hüpfen, Treppensteigen oder Geschlechtsverkehr; vorwiegend bei Frauen

Ursache:

Belastungsinkontinenz (Stressinkontinenz), z. B. bei
  • Beckenbodenschwäche nach Geburten
  • Gebärmuttersenkung
  • Gebärmuttervorfall
  • Östrogenmangel in den Wechseljahren
  • Männern: Folge von Verletzungen und Operationen, v. a. nach Prostataoperation (Radikale Prostatektomie)

Maßnahmen:

  • In den nächsten Wochen zum Hausarzt, Frauenarzt oder Urologen
  • Da viele Medikamente Inkontinenz-Beschwerden verstärken, den Arzt vollständig über die derzeitige Medikation informieren

Selbsthilfe:

  • Beckenbodentraining

Unbezwingbarer und meist schmerzhafter Harndrang; ungewollter Harnabgang, wenn der Weg zur Toilette zu weit ist; evtl. blutiger Urin

Ursache:

Dranginkontinenz, z. B. bei
  • Blasenentzündung
  • Harnblasensteinen
  • Harnblasenkrebs
  • Reizblase
  • Interstitieller Zystitis
  • Beckenbodenmyalgie
  • Somatoformer Störung

Maßnahmen:

  • Am selben oder nächsten Tag zum Hausarzt, Frauenarzt oder Urologen, wenn die Beschwerden plötzlich auftreten oder der Urin blutig ist
  • In den nächsten Wochen bei langsamer Zunahme der Beschwerden

Reflexartige, unwillkürliche Blasenentleerung; meist kein Harndrang

Ursache:

Reflexinkontinenz, z. B. bei
  • Rückenmarkverletzungen
  • Schädel-Hirn-Verletzung
  • Demenz
  • Multipler Sklerose
  • Schlaganfall
  • Sonstiger Hirnschädigung, z. B. durch Gehirntumor oder Hirnaneurysmablutung

Maßnahme:

  • In den nächsten Tagen zum Hausarzt, Neurologen oder Urologen, wenn die Beschwerden neu auftreten

Unwillkürlicher Urinabgang in kleinen Portionen (Harnträufeln) mit erschwerter Harnausscheidung (Harnverhalt); prall gefüllte Blase tastbar; krampfartige Unterbauchschmerzen, spontan oder bei Beklopfen der Blase; evtl. blutiger Urin

Ursache:

Überlaufinkontinenz durch Abflussbehinderung, z. B. bei
  • Gutartiger Prostatavergrößerung
  • Prostatakrebs
  • Harnblasenverletzung
  • Harnröhrenverengung (Harnröhrenstriktur), z. B. nach längerem Blasenkatheter
  • Blasenstein
  • Fremdkörper in der Harnröhre
  • Harnröhrenklappen
  • Harnblasenkrebs

Maßnahme:

  • Am selben Tag zum Hausarzt oder Urologen

Selbsthilfe:

  • Bei Abflussbehinderung durch Prostatavergrößerung ("Stammtischverhalt") helfen evtl. warme Bauchwickel oder eine Wärmflasche

Unwillkürlicher Urinabgang in kleinen Portionen (Harnträufeln) mit erschwerter Harnausscheidung (Harnverhalt) und neurologischen Beschwerden; prall gefüllte Blase tastbar; keine Unterbauchschmerzen; evtl. Seh- oder Sprachstörungen; evtl. Lähmungen

Ursache:

Überlaufinkontinenz durch neurogene Blasenentleerungsstörung, z. B. bei
  • Rückenmarkverletzung
  • Multipler Sklerose
  • Parkinson-Krankheit
  • Kürzlich abgelaufenem Schlaganfall
  • Bandscheibenvorfall
  • Rückenmarktumoren

Maßnahme:

  • In den nächsten Tagen zum Hausarzt oder Neurologen, wenn die Beschwerden erstmals auffallen

Unwillkürlicher Urinabgang in kleinen Portionen (Harnträufeln) bei Medikamenteneinnahme

Ursache:

Überlaufinkontinenz als Nebenwirkung, z. B. von
  • Beruhigungsmitteln (Tranquilizer)
  • Antidepressiva
  • Neuroleptika

Maßnahme:

  • In den nächsten Tagen zum Arzt, wenn das Mittel ärztlich verordnet wurde

Selbsthilfe:

  • Bei Selbstmedikation Mittel absetzen

Einnässen tagsüber oder nachts (Bettnässen) bei Kindern ab dem 5. Geburtstag; evtl. abgeschwächter Harnstrahl; evtl. häufiger Harndrang; evtl. Nachträufeln

Ursache:

Einnässen (Enuresis), z. B. bei
  • Psychischen Belastungssituationen
  • Blasenentzündung
  • Infektionen mit Madenwürmern
  • Phimose (Vorhautverengung)
  • Angeborener Harnröhrenverengung (Harnröhrenstriktur)
  • Harnröhrenfehlbildungen, z. B. Hypospadie
  • Harnröhrenklappen
  • Fremdkörpern in Scheide, Harnröhre oder Harnblase
  • Funktionellen Störungen
  • Verweigerungshaltung (06r02bewusstes Hinauszögern der Blasenentleerung)

Maßnahme:

  • In den nächsten Wochen zum Kinderarzt

Gehäufter, schmerzloser Harndrang bei älteren Kindern und Erwachsenen

Ursache:

Häufiges Wasserlassen kleiner Urinmengen (Pollakisurie) bei
  • Stresssituationen
  • Schwangerschaft
  • Beginnender, gutartiger Prostatavergrößerung
  • Prostatakrebs
  • Reizblase
  • Schrumpfblase durch chronische Blasenentzündung
  • Erworbener Harnröhrenverengung (Harnröhrenstriktur), z. B. nach längerem Blasenkatheter
  • Blasenstein
  • Harnblasenkrebs
  • Somatoformen Störungen

Maßnahme:

  • In den nächsten Tagen zum Hausarzt oder Urologen, wenn die Beschwerde neu auftritt

Selbsthilfe:

  • Mit Blasentraining kann die Haltekapazität der Blase erheblich gesteigert werden

Gehäufter, schmerzloser Harndrang mit mehrmaligem Wasserlassen während der Nacht

Ursache:

Nächtliches Wasserlassen (Nykturie) bei
  • Gutartiger Prostatavergrößerung
  • Diabetes
  • Herzinsuffizienz
  • Chronischem Nierenversagen
  • Durchschlafstörungen (mit Wasserlassen als Angewohnheit)
  • Reizblase
  • Schrumpfblase durch chronische Blasenentzündung
  • Schwangerschaft
  • Prostatakrebs
  • Blasenstein
  • Harnblasenkrebs
  • Erworbener Harnröhrenverengung (Harnröhrenstriktur), z. B nach längerem Blasenkatheter
  • Somatoformen Störungen
  • Stresssituationen

Maßnahme:

  • In den nächsten Tagen zum Hausarzt, wenn weitere Beschwerden auftreten wie Abschwächung des Harnstrahls, starker Durst, Beinödeme, Unterbauchschmerzen

Selbsthilfe:

  • Bei Fehlen weiterer Beschwerden, am Abend die Trinkmenge und insbesondere den Konsum von Alkohol – der harntreibend wirkt – einschränken

Langsame Abschwächung des Harnstrahls

Ursache:

  • Voranschreitende gutartige Prostatavergrößerung

Maßnahme:

  • In den nächsten Wochen zum Urologen, bei zusätzlichen Beschwerden möglichst bald

Wasserlassen in zwei Etappen; oft mit krampfhaften Schmerzen

Ursachen:

  • Blasendivertikel (06m22Sackartige Ausstülpung der Blasenwand, bedingt durch eine Muskelschwäche)
  • Vesikorenaler Reflux
Maßnahmen:
  • Sofort zum Kinderarzt, Hausarzt oder Urologen bei Auftreten von Fieber, sonst in den nächsten Tagen

Ihr Apotheker empfiehlt

Beckenbodentraining.

Der Beckenboden ist eine Muskelplatte, die unterhalb der Bauch- und Beckenorgane liegt. Diese Muskeln sind wichtig, damit das Wasserlassen und der Stuhlgang kontrolliert ablaufen: Spannen sich die Muskeln an, unterstützen sie die Schließmuskeln von Harnblase und Anus. Beim Urinieren und Stuhlgang entspannt sich der Beckenboden hingegen. Übergewicht, Fehlhaltungen, Operationen oder Medikamente schwächen häufig die Muskeln des Beckenbodens und führen z. B. zu Harninkontinenz. In solchen Fällen stärkt ein gezieltes Training mit Anspannungs- und Entspannungsübungen die Muskulatur. Angeboten werden Kurse zum Beckenbodentraining von Physiotherapeuten, Volkshochschulen oder Sportstudios. Viele Menschen finden das Training anfangs schwierig, da die Muskeln des Beckenbodens unsichtbar und von außen nicht tastbar sind. Um den Beckenboden besser zu spüren gibt es eine einfache Übung für zuhause: Wer beim Wasserlassen bewusst den Harnstrahl für einige Sekunden unterbricht, spannt den Beckenboden automatisch an.

Blasentraining.

Besonders für leichte Fälle der Dranginkontinenz ist Blasentraining ein wirksames Mittel, um die willkürliche Kontrolle über die Blase zu erhöhen. Durch das Training wird die Harnblase langsam wieder dehnbarer und speichert dadurch größere Urinmengen. Da es beim Blasentraining verschiedene Methoden gibt, ist es empfehlenswert vor Beginn mit dem Arzt zu besprechen, welche Form des Trainings sinnvoll ist. Eine Möglichkeit des Blasentrainings ist der regelmäßige Toilettengang nach festen Zeitintervallen. Begonnen wird z. B. mit einstündigem Abstand tagsüber und zwei Toilettengängen pro Nacht. Nach etwa einer halben Woche wird das Intervall jeweils um 10–15 Minuten vergrößert. Trainingsziel ist es, tagsüber einen Abstand von 2 bis 3 Stunden zwischen den Toilettengängen zu erreichen.

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